Samstag, 2. März 2013

Psalm der Sorge II von Jochen Malmsheimer

Fernsehen! Fernsehen! Ich sorge mich, Fernsehen! Denn höre:
Wohin sind die Tage, da du, Fernsehen, noch das Gebot zur Bildung spürtest?
Das neben vielen andere, der Holzamer-Karl und der Grimme-Adolf einst vom Berg der Lärche herab sangen.
Wohin?
Wohin, Fernsehen, sind die Tage, da du jene Gebote noch befolgtest, wie etwa dieses, das da heißt. "Du sollst nicht träufeln das Gift der Ruhmsucht in die Ohren junger Menschen, auf dass sie nicht der Blödigkeit anheim fallen und sich willfährig als wie Milchvieh einsperren lassen in große Kisten, in der steindummen Hoffnung brunstbanales Leben gewinne allein dadurch, dass es gefilmt werde an Format.
Oder:
Du sollst nicht blenden die Kinder, Fernsehen, mit der irrigen Aussicht es sei möglich durch das Trällern dümmlicher Lieder Reichtum anzuhäufen und die sich dieserhalb vor einem Zeloten, der bewiesen hat, dass zwischen Erbrochenem und Musik kein Unterschied bestehen muss singend zum Makaken machen!
Du sollst nicht blenden die Kinder, Fernsehen, und sie verleiten Klum-dumm über Stege zu stöckeln in Kleidern, die niemand braucht, um damit dem Käfer gleich zu werden, der wohl das Gefühl hat viel bewegt zu haben, allerdings nicht weiß, dass es Scheiße war, was er da rollte.
Wohin die Tage, Fernsehen, da dein ganzes Wirken darauf gerichtet schien, dass die Musik der polychromen Weltbeschreibung unsere Köpfe zephyrgleich durchwehe und der Mensch gebildet werde und Befriedigung, wie auch Zerstreuung finde im Lernen und im Schauen, also wies geweissagt ist seit altersher. Wohin?
Und um Mitternacht war Schluss. Ruhe. Stille. Samtige, sanfte Schwärze. Wohin, gottverdammt, sind diese Tage, Fernsehen???
Verweht auf immer, rettungslos verloren im Gebrumm. Weißes Rauschen ist Programm und das auch noch in Farbe.
Verweht die Tage, da der Zoodirektor (TSchimnik?) oder gar Heinz Sielmann näselnd, mit polypverstopftem Atemgang die Tierwelt uns erklärten und bewiesen, dass nicht allein die Serengeti unseres Schutzes wohl bedarf, sondern auch die Gest, der Harz, die Alpen.
Verweht die Tage, da Horst Stern das Lied der Arachniden sang und so Millionen heilte von der Angst vor Spinnen, allein durchs Wissen über sie und er laut vom Wundersamen sprach, das da selbst im Kleinsten noch so mannigfaltig wohnt.
Verweht die Tage, da Heinz Haber nur einen dicken Edding brauchte, um die Schwerkraft zu erklären. Ganz ohne animiertes stroboskobes Trickgedröhn. Und wir haben's auch verstanden!
Verweht die Tage, da du Fernsehen, Schach gezeigt! Schach! Mit Helmut Pfleger! In schwarz-weiß!
Verweht die Tage, Fernsehen, da du Inhalte bot'st, bis heut nichts als Hülle, äuß're Form, oder, wie du das gerne nennst: "Format".
Das aber Fernsehen ist ein Irrtum: Gerade Format ist's, das so deutlich wir vermissen.
Neben Reportagen und Gesprächen... Gesprächen! Von Leuten, die was wissen und das and're gerne hören lassen zu beiderseitigem Gewinn. Kein blassiertes Talkgebrumm von Politikdarstellern, die Scham-, wie kostenlos Parteienwerbung treiben! Nein, das Gespräch vermissen wir. Allein der Sache dienend und in hölzern-höfischer Manier. Mit einem Gläschen Müller-Thurgau. Oder vier.
Und das kleine Fernsehspiel vermissen wir. Den Rockpalast, die kleinen Strolche. "Turnikuti, turnikuta, der Zebulon - ist nicht mehr da!"
Das vielleicht hausbacken und harmlose, aber eben auch ehrliche und substanzielle, das Fernsehen vermissen wir sehr und schmerzlich.
Und den, der einst das Kochen aus den Serail der kulturellen Technik in die Peepshowbox der Unterhaltung zwang und es nun Artistik nennt, die man auf Bühnen zeigt, statt Theater, Tanz oder Musik, der soll herabgebracht werden in den ersten Kreis der Hölle und dann in Guterbutter bei ein wenig Salbei kross gebraten werden, von allen Seiten. Und dann soll er bei mittlerer Hitze noch ein wenig ruhen, auf dass seine Fasern sich entspannen und kein kostbar Saft ins Freie trete. Und dann soll er geschnitten werden in feine Scheiben und artig angerichtet und serviert werden und dann soll er vertilgt werden mit Stumpf und Stiel. Und dann ist vielleicht endlich Ruhe. Und es hat sich ausgekocht! Und aus dem Event wird wieder eine Mahlzeit. Und in den Redaktionen wird man sich besinnen auf die eigentliche Arbeit, auf Inhalte nämlich und nicht auf Rezepte!
Denn siehe, Fernsehen: In Zeiten, wo wir alle Geiseln sind der Geldverleiher, wo Teppichschmuggler an den Hebeln sitzen und nicht die, die ihn einst geknüpft. In solchen Zeiten, Fernsehen, brauchen wir jede Minute deiner Zeit, dass wir die Angst verlieren vor dem Apparat durchs Wissen über ihn. Wie einstmals bei den Spinnen. Und nur noch an den Justizpalästen soll geschrieben stehen in goldenen Lettern: "Alle Gerichte auch zum Mitnehmen."
Denn siehe und höre, denn das ist geweissagt: Lanz soll gebrochen werden und Lichter soll ausgehen und es soll kein gelafer mehr sein allenthalben!
Und für dich, Fernsehen, soll gelten jetzt und immerdar: Wissen ist Macht. Aber Kochen ist Mist! Nie mehr gewäsch, mehr Zeit für Lesch!
Und wenn nicht, dann wirst gänzlich abgeschaltet, du! Eingestampft und granuliert. und wir spielen wieder Karten. Oder Puzzle. Oder einfach an uns rum. Geht auch.
Amen!